Erstaunt fragt Marlena weiter: »Muss der Jonas die L. dann NICHT heiraten?«
Offensichtlich scheint in diesem Haus einiges an mir vorbei zu laufen. Ich raune verschwörerisch: »Aha, hat der Jonas die L. geküsst? Hast du’s gesehen?«
Marlena flüstert: »Jaaa. Aber du darfst es nicht sagen.«
Aha. Jetzt weiß ich, woher seine gute Laune kommt. Seit Tagen erscheint er morgens pünktlich und geduscht (!) am Frühstückstisch – beides bis vor kurzem noch undenkbar. Schade, ich dachte schon, meine Aktion mit dem nassen Waschlappen vor ein paar Wochen hätte Früchte getragen und freute mich über einen Erziehungserfolg.
Mittags kommt passend zum Thema der kleine Bruder umso schlechter gelaunt nach Hause: »Weiber«, schimpft er
und pfeffert seine Schultasche vor die Treppe: »Wegen der Klara-Sophie muss ich jetzt einen Entschuldigungsbrief
schreiben!« »Was ist denn bloß passiert?«
»Ich hab ihr in den Bauch geboxt.«
»Du hast WAS ?!!!«
»Die hat genervt, weil ich nicht bei ihrem dummen Spiel mitmachen wollte.«
»Wie bitte?«
»Wir spielen in der Pause, wer sich traut zu

küssen.« Sein bester Freund Felix, so frech wie rothaarig, war offensichtlich mutiger als Laurin und hat es getan. Laurin ist das höchst peinlich. Noch beim Gedanken daran schaudert es ihn und er motzt mit tomatenroten Ohren: »Ich mag das halt nicht.« Ogottogott, die sind in der Grundschule. »Laurin, Mädchen boxen geht gar nicht, das weißt du!«, sage ich.
»Hm.«
Marlena tröstet: »Schau, dafür musst du sie nicht heiraten.«
Man könnte diese Episode nun beenden mit dem Rat, Kinder so früh wie möglich darüber aufzuklären, dass die ganze Heiraterei und Küsserei nichts über wahre Freundschaft aus – sagt und sie sich mit dem Verlieben noch Zeit lassen sollen. Jedoch hat diese Geschichte ein zweites Ende: Ein paar Tage später am Abendbrottisch legte Marlena unvermittelt ihren Kopf auf den Tisch und begann herzerweichend zu schluchzen. Wie aus einem Mund fragten wir alle erschrocken: »Was ist denn los?« Marlena: »Jetzt will mich nicht mal mehr der Basti heiraten!« Wir trösteten: »Das hat er bestimmt nicht so gemeint. Was ist mit Carlo und Paul?« Sie jammerte: »Die wollen jetzt lieber die Emma heiraten.« Ich beschwichtigte: Andere Mütter haben auch hübsche Söhne, zum Beispiel Leo und Phillipp. Oder Marvin? Doch es

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